Zusammenfassung
Zentrales Instrument von smart selection war die Online-Plattform www.we-are-ready.ch mit anonymen Profilen von Lehrstellensuchenden. Lehrbetriebe konnten selbst aktiv auf die Suche nach passenden Bewerber/innen gehen und diese per Mausklick kontaktieren. Aus dem Kanton Zürich waren insgesamt rund 2'300 Jugendliche und 200 Lehrbetriebe registriert. 60 Betriebe haben die Plattform schliesslich aktiv für die Lehrlingsselektion eingesetzt.
Der Kaufmännische Verband Schweiz hat die Daten der Bewerbungsplattform nach einer einjährigen Pilotphase ausgewertet. Dabei konnten wichtige Erkenntnisse bezüglich der Chancen und Herausforderungen von anonymen Online-Bewerbungsverfahren auf dem Lehrstellenmarkt gewonnen werden.
Die Chancen:
Keine Ghetto Plattform
Auf Seiten der Jugendlichen wurde die Bewerbungsplattform von einem breiten und in vieler Hinsicht repräsentativen Benutzerkreis genutzt. Die Plattform hat sich nicht wie mancherorts befüchtet als "Ghetto-Plattform" erwiesen. Schweizer Jugendliche haben die Plattform in etwa gleich häufig für die Lehrstellensuche eingesetzt wie ausländische Jugendliche.
Verbesserung der Chancengleichheit
Mit anonymisierten Bewerbungsprofilen kann die Chancengleichheit verbessert werden: Jugendliche aus allen drei betrachteten Gruppen (Schweiz, Südwesteuropa und Balkan) haben gleich grosse Chancen, von Betrieben kontaktiert zu werden. Bis jetzt haben allerdings vor allem Schüler/innen aus Schultypen mit höheren Anforderungen (Sek A/E) und solche mit Berufswünschen im Kaufmännischen Bereich und in der Informatik profitieren können. Insofern weisen die Ergebnisse des Pilotprojekts Beschränkungen auf. Doch dürfte es plausibel sein anzunehmen, dass die Ergebnisse in Bezug auf Fairness und chancengleichen Zugang sich auch auf andere Lehrberufe sowie auf Jugendliche aus Schultypen mit geringeren Anforderungen übertragen lassen.
Ein Gewinn für Lehrbetriebe
Auf Seiten der Betriebe werden die Möglichkeiten der Plattform, insbesondere die Effizienz und die bessere Objektivität bei der Sichtung der in Frage kommenden Bewerbungen, sehr geschätzt. Der Verzicht auf schriftliche Dossiers in einer ersten Bewerbungsphase kann Kosten und Arbeit (Absagen) einsparen. Viele wollen die Plattform in Zukunft vermehrt für die Lehrlingsselektion einsetzen.
Die Herausforderungen für die Zukunft:
Vielfalt der Rekrutierungskanäle
Die Plattform wird von den meisten Betrieben zwar als sinnvolles und effizientes Instrument wahrgenommen. Mehrere Rekrutierungskanäle (Kantonaler Lehrstellennachweis, Lena) können aber auch einen Zeitverlust und Unübersichtlichkeit bedeuten, etwa weil die gleichen Jugendlichen sich auf mehreren Kanälen bewerben.
Umsteigen auf Online Bewerbungen braucht Zeit
Gerade Betriebe im gewerblichen/handwerklichen Bereich zeigten sich im Rahmen der Pilotphasse weniger bereit, vom herkömmlichen Selektionsverfahren abzuweichen und auf Online-Bewerbungen umzusteigen bzw. diese ergänzend zu nutzen. Die Etablierung eines neuen Instruments braucht Zeit und erfordert einen nicht zu unterschätzenden Informationsaufwand. Ein einjähriger Pilotversuch hat sich als zu kurz erwiesen, um die Plattform branchenübergreifend bekannt zu machen und einzuführen.
Vorteil der "guten" Schüler/innen
Schüler/innen aus Schultypen mit geringen Anforderungen (v.a. Sek C/Kleinklassen) waren auf der Plattform untervertreten. Gerade hier sind ausländische Jugendliche aber von Diskriminierungen besonders betroffen und wären auf den Nutzen einer solchen Plattform angewiesen, um in der Phase der Vorselektion eine faire Chance zu erhalten.Problematik Schultyp-Selektion besteht weiter
Eine Selektion nach Nationalität oder Herkunft wird den tatsächlichen Leistungen und Kompetenzen von Jugendlichen nicht gerecht. Die gängige Praxis einer reinen "Schultyp-Selektion" verstärkt diese Problematik zusätzlich: Es ist vielfach erwiesen, dass der Schultyp nur eine begrenzte Aussagekraft über die konkreten Fähigkeiten von Jugendlichen hat. Mangels besserer Grundlagen stützt sich auch die verwendete Plattform auf Schultyp und Zeugnisnoten und ist daher für die damit verbundenen Probleme blind.
